Wir haben nachgefragt

Fünf Fragen an den Architekten Roger Christ von ›Christ.Christ. associated architects GmbH‹. Roger Christs neues Wohngebäude in Wiesbaden zählt zu den 50 besten Wohnbauten 2021. Wir trafen ihn auf einen Espresso.

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Foto: Thomas Hermann

THE PROPERTY Sehr geehrter Herr Christ, Ihr Büro wurde gerade mit einem Preis für ein Gebäude mit insgesamt 64 Wohnungen,
davon 40 geförderte, ausgezeichnet. Was ist so besonders an dem Gebäude, das die GWW beauftragt hat?

ROGER CHRIST Das Gebäude in Wiesbaden besteht aus vier Mehrfamilienhäusern, die durch Knickungen gegliedert zu einem Baukörper zusammengefasst sind. Die geknickt gefaltete Fassade
gliedert den über 100 Meter langen Baukörper und bricht so die typische Monotonie von Zeilenbauten zugunsten einer plastischen und rhythmischen Fassade. Darüber hinaus definieren die Knickungen den Außenraum und machen diesen perspektivisch erlebbar. Entlang der Wiesbadener Landstraße wurde ein gestalteter und bepflanzter Wall gebaut, unter dem versteckt die Carport-Anlage untergebracht ist. Der Wall dient außerdem als ›Schallschutzwand‹ und ermöglicht eine abgeschirmte und ruhige ›Spielstraße‹ als geschützten Außenraum für die Bewohner.

THE PROPERTY Mehrfamilienhäuser gelten nicht gerade als ›Königsklasse‹ der Architekten. Warum interessieren Sie sich so sehr dafür?

ROGER CHRIST Mehrfamilienhäuser sind nur ein Teil unseres Tätigkeitsbereichs. Unsere Projekte reichen von Verwaltungs- und Industriebauten über den Wohnungsbau und gehobenen Villen-
bau bis hin zur Innenarchitektur und zum Ladenbau. Bei allen Bauaufgaben engagieren wir uns gleichermaßen und versuchen, die jeweils bestmögliche Lösung zu finden.

Roger Christ

THE PROPERTY Sie erklären, dass die Grundlage Ihrer Tätigkeit auf der Überzeugung beruhe, dass die Qualität des gebauten Umfelds einen wesentlichen Einfluss auf die Qualität unseres Lebens
hat. Was genau meinen Sie damit?

ROGER CHRIST Ganz simpel, dass gut gestaltete Gebäude mit einer hohen räumlichen Qualität einen positiven Einfluss auf unser Leben haben und daher in dem, was Architekten machen, eine große Verantwortung liegt.

THE PROPERTY Die Corona-Krise verschärft offensichtlich die Kluft zwischen armen und reichen Menschen, mit steigendem Wohnraumbedarf hier wie dort. Gibt die Architektur Antworten bei der Suche nach einer Lösung dieses Problems?

ROGER CHRIST Architekten können Antworten im Bereich der jeweiligen Bauaufgaben geben. Ich würde es so ausdrücken: Für Reiche zu bauen, ist nicht genug. Dies bedeutet, dass wir als Architekten uns der Aufgabe des sozialen Wohnungsbaus genauso annehmen müssen wie des Bereichs des Luxuswohnens. Einfacher und kostengünstiger Wohnbau mit hoher gestalterischer Qualität ist eine Notwendigkeit.

THE PROPERTY Nachhaltigkeit ist ein strapaziertes Wort. Dennoch: Es muss sein. Was gilt es zukünftig unbedingt zu beachten?

ROGER CHRIST Gebäude mit einem geringen ökologischen Fußabdruck zu bauen, ist bereits eine Selbstverständlichkeit. Dabei wird aber ein wesentlicher Faktor in Bezug auf Nachhaltigkeit häufig vergessen: Nur ein Gebäude, das die Zuneigung der Menschen gewinnen kann, hat eine Chance auf Beständigkeit. Viele Gebäude werden nicht von den Menschen angenommen und nach relativ kurzer Zeit wieder abgerissen. Daher muss unseres Erachtens die gestalterische Qualität radikal erhöht werden, um die zur Herstellung der Gebäude verwendete Energie nicht regelmäßig zu verschwenden.

THE PROPERTY Vielen Dank für das Gespräch!

Passend dazu unser Buchtipp: Cornelia Hellstern und Matthias Horx: Ausgezeichneter Wohnungsbau.